Mondbasis
Blogbeitrag

Redox-Flow-Batteriespeicher: Wie eine alte Idee heute wieder topaktuell wird und was die NASA damit zu tun hat

Die Energiewende stellt Energiesysteme weltweit vor eine zentrale Herausforderung: Strom muss nicht nur sauber erzeugt, sondern auch zuverlässig gespeichert werden. Besonders mit dem wachsenden Anteil von Solar- und Windenergie rückt die Frage nach geeigneten Langzeitspeichern immer stärker in den Fokus. Neben bekannten Technologien wie Pumpspeicherkraftwerken oder Lithium-Ionen-Batterien gewinnt dabei eine Lösung an Aufmerksamkeit, die auf den ersten Blick eher nach Laborforschung oder Raumfahrt klingt: die Redox-Flow-Batterie. Tatsächlich ist die Idee hinter dieser Technologie keineswegs neu. Bereits im 19. Jahrhundert wurden erste Flussbatterien patentiert, und seitdem haben Forschende und Ingenieure immer wieder an ihrer Weiterentwicklung gearbeitet – unter anderem auch in der Raumfahrtforschung. Heute, im Zeitalter der erneuerbaren Energien, erlebt diese Technologie eine neue Dynamik. Doch was genau steckt hinter einer Redox-Flow-Batterie, und warum wird sie gerade jetzt wieder intensiv diskutiert?

FlexBase Profilbild

FlexBase Group

Im Kontext der aktuellen Diskussionen über die Energiewende stellt sich schnell die Frage nach einer zuverlässigen, sicheren und langanhaltenden Stromspeicherung. Neben Pumpspeichern und Lithium-Ionen-Batterien taucht dabei immer öfter ein Begriff auf, der an Labor und Raumfahrt erinnert: Redox-Flow.

Die Technologie der Flussbatterien ist keineswegs neu. Ihre Geschichte begann bereits im 19. Jahrhundert, um genau zu sein 1879, mit der Patentierung der Zink-Brom Flussbatterie. In den 1950er Jahren wurde mit Metall-basierten Elektrolyten experimentiert. Stark daran interessiert war die NASA. Gesucht wurde eine Batterietechnologie für die Mondlandestation.

Doch was ist eine Redox-Flow-Batterie überhaupt?

Im Gegensatz zu einer klassischen Batterie funktioniert eine Redox-Flow-Batterie (auch "Flow Battery" genannt) nach einem anderen Prinzip.

  • Energie wird in flüssigen Elektrolyten gelagert, die in Tanks untergebracht sind.
  • Die Erzeugung von Leistung erfolgt im Zellstapel (Stack), wo die Flüssigkeiten durchströmt werden und über elektrochemische Reaktionen Strom generieren.

Dies bedeutet, dass eine Steigerung der Energieeffizienz zu einer Vergrösserung der Tanks führt. Eine höhere Leistung geht mit einem grösseren Stack einher. Es besteht also die Möglichkeit, Energie und Leistung relativ unabhängig voneinander zu skalieren. Dies ist ein signifikanter Vorteil, wenn eine mehrstündige Speicherung erforderlich ist, beispielsweise für Solarstrom von Mittag bis in die Nacht.

Die frühe Geschichte: von elektrochemischen Grundlagen zur „Flow“-Idee

Die Idee, chemische Reaktionen für die Stromspeicherung zu nutzen, ist nicht neu. Bei Redox-Flow geht es um zwei flüssige Redox-Paare, die getrennt zirkulieren und in einer Zelle über eine Membran oder einen Separator miteinander "arbeiten".

In den 1950/60er-Jahren erfuhr die moderne Form der Flow-Batterie eine entscheidende Entwicklung – in den USA, als Energiekrisen und Netzstabilität plötzlich sehr konkrete Themen wurden. In wissenschaftlichen Übersichtsarbeiten wird diese Phase als Startpunkt intensiver Entwicklungsprogramme eingeordnet.

NASA als Treiber: Warum ausgerechnet die Raumfahrtbehörde an Stromspeichern forschte

Bis heute wird die Machbarkeit einer Mondlandestation geprüft und aktiv an Lösungen für Energie, Energiespeicherung und Energiemanagement geforscht. Betrachtet man die Anforderungen an einen Batteriespeicher im Weltall, so wird schnell klar, warum die Redox-Flow Batterien die einzig sinnvolle Technologie sind.

  • Maximale Zuverlässigkeit
  • Erfüllung höchster Sicherheitsstandards, nicht brennbar und nicht explosiv
  • Unkomplizierte Wartung und Diagnosefähigkeit
  • Skalierbarkeit für verschiedene Anwendungen, in verschiedensten Umgebungen

In den 1960/70er-Jahren vertiefte die NASA (u. a. am NASA Lewis Research Center, heute Glenn Research Center) Forschungsarbeiten zu Redox-Flow-Zellen und entwickelte daraus ein konkretes Entwicklungs- und Demonstrationsprogramm. Teilweise auch in Kooperation mit dem US-Energieministerium (DOE).

Was die NASA dabei besonders umtrieb (und was sie nüchtern abwog)

Die NASA hat sich intensiv mit der Thematik befasst und eine sorgfältige Abwägung vorgenommen. Das Projekt wurde nicht nur als "eine Batterie" betrachtet, sondern es erfolgte eine Prüfung der technischen und wirtschaftlichen Machbarkeit. In NASA-Dokumenten wird beschrieben, dass die Eisen/Chrom-Redox-Paare ausgewählt und intensiv an Komponenten gearbeitet wurde.

Im Verlauf des Projekts wurden typische Fragen im Zusammenhang mit Flow-Batterien aufgeworfen, die auch heute noch von Relevanz sind.

  • Membran-Thema: Wie verhindert man, dass sich die aktiven Spezies zu stark „durchmischen“ (Crossover), was Kapazität kostet?
  • Materialien: Welche Elektrodenmaterialien und Oberflächen funktionieren stabil über viele Zyklen?
  • Systemtechnik: Pumpen, Dichtungen, Korrosion. All das, was ein chemisch aktives, zirkulierendes System im Alltag zuverlässig machen muss.
  • Kosten und Skalierung: Tanks, Stack, Balance-of-Plant. Was treibt die Gesamtkosten wirklich?

NASA-Arbeiten aus dieser Zeit sind deshalb so interessant, weil sie Flow-Batterien nicht romantisieren, sondern als Systemtechnik betrachten: Chemie + Materialien + Engineering + Betriebskonzept.

Demonstration statt nur Theorie

Später wird diese Arbeit als Grundlage für heutige "Spinoff"-Geschichten beschrieben. Die NASA hebt hervor, dass zu dieser Zeit Demonstrationsanlagen errichtet wurden und heutige Unternehmen bei Flow-Batterien auf Erkenntnisse aus dieser Forschung zurückgreifen können.

Der nächste grosse Schritt: Vanadium und der Durchbruch der 1980er

Der nächste bedeutende Fortschritt in diesem Bereich ist die Entwicklung von Vanadium und der damit verbundene Durchbruch in den 1980er Jahren. Parallel zur NASA-Forschung an Eisen/Chrom wurde ein anderer Forschungsstrang initiiert, der heute am meisten verbreitet ist: die Vanadium-Redox-Flow-Batterie (VRFB).

Der zugrundeliegende Gedanke ist einfach: Auf beiden Seiten der Batterie ist Vanadium, nur in unterschiedlichen Oxidationsstufen. Dies reduziert ein Kernproblem vieler Flow-Systeme: Die Vermischung von Elektrolyten und der potenziellen Reduktion der Effizienz. VRFB bringen den Vorteil, dass keine automatische Freisetzung von Fremdchemikalien in den Tanks erfolgen kann.

Maria Skyllas-Kazacos nimmt eine zentrale Rolle ein. Sie präsentierte in den 1980er-Jahren die erste erfolgreiche All-Vanadium-Demonstration und reichte in der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre die entsprechenden Patente ein. An dieser Stelle sei auf die Verbindung zur NASA hingewiesen. In Rückblicken wird darauf hingewiesen, dass NASA-Forschende in den 1970er-Jahren ebenfalls VRFB-Ansätze in Betracht zogen, jedoch noch keinen entscheidenden Durchbruch erzielten, während die australische Forschung diesen Schritt dann schaffte.

Warum Flow-Batterien erst jetzt „gross“ werden

Wenn das alles seit Jahrzehnten bekannt ist: Wieso sieht man Flow-Batterien erst heute häufiger?

  1. Früher fehlte der starke Treiber „Renewables“
    Grosse Speicher wurden zwar diskutiert, aber der wirtschaftliche Druck war oft zu klein. Heute zählen erneuerbare Energien zum Kern der Energiestrategie und sind nicht wegzudenken. Was bleibt ist die Aufgabe, Energie langfristig zu speichern und bei Bedarf wieder abzugeben.
  2. Material- und Systemkosten waren lange zu hoch
    Tanks, Membranen, Stacks, Pumpen: Viele Komponenten mussten erst industriell reifen. Heute sind die Komponenten wesentlich günstiger als noch in den frühen 2000er Jahren.
  3. Lithium-Ion hat vieles über Jahre dominiert
    Vor allem für kurze bis mittlere Speicherzeiten und mobile Anwendungen ist Lithium-Ion die meistverbreitete Technologie. Sie kommt fast überall im Alltag vor, da Li-Io-Batterien auch in einem sehr kleinen Massstab funktionieren und die Capex-Kosten relativ gering sind.

Jetzt verschieben sich die Anforderungen: Netze mit viel Solar und Wind brauchen zunehmend Langzeitspeicher, die viele Zyklen aushalten, thermisch stabil sind und bei denen man im Zweifel lieber „einen Tank“ als „tausende Zellen“ managt.

Genau da passen Redox-Flow-Systeme in die Diskussion – nicht als „Ersatz für alles“, sondern als sehr sinnvolle Ergänzung im Mix.

Was man aus der NASA-Perspektive heute noch lernen kann

Das eigentlich Wertvolle an der NASA-Geschichte ist weniger „die eine perfekte Chemie“, sondern die Denke dahinter:

  • System zuerst: Eine Batterie ist nicht nur eine Reaktion, sondern ein Gesamtsystem mit Betrieb, Wartung, Risiken.
  • Sicherheit und Robustheit als harte Kriterien: Nicht nur maximale Energiedichte.
  • Ehrliche Trade-offs: Membran-Crossover, Effizienz, Materialien, Kosten – alles hängt zusammen.

Und genau diese nüchterne Herangehensweise ist heute wieder gefragt, wenn Flow-Batterien von Pilotanlagen zu breitem Einsatz wachsen sollen.

Fazit

Redox-Flow-Batteriespeicher sind ein gutes Beispiel dafür, wie technische Ideen manchmal Jahrzehnte brauchen, bis die Welt „bereit“ dafür ist. Die NASA spielte in der frühen Phase eine wichtige Rolle: Sie trieb die Entwicklung der Eisen/Chrom-Redox-Flow-Batterie voran, untersuchte Machbarkeit und Grenzen und prägte eine systemorientierte Sicht auf das Thema.

Mit dem späteren Vanadium-Durchbruch und dem heutigen Druck durch erneuerbare Energien erlebt die Technologie nun eine zweite, sehr praktische Renaissance. Und vielleicht ist das die schönste Pointe der Geschichte: Aus Forschung, die einst auch von Raumfahrtdenken geprägt war, wird Schritt für Schritt Infrastruktur für den Alltag.

 

Quellen:

https://spinoff.nasa.gov/Spinoff2008/er_2.html

https://www.nasa.gov/directorates/stmd/tech-transfer/spinoffs/giant-batteries-deliver-renewable-energy-when-its-needed/

https://en.wikipedia.org/wiki/Vanadium_redox_battery

https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/0378775389800370

Weitere Blogbeiträge

Teile diesen Beitrag